Familiengottesdienst am 2. Dezember (1. Advent) 2007
in Unser Frauen Memmingen
Liedpredigt zu Lied 11 (EG):
"Wie soll ich dich empfangen"
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes beten.
Herr, segne jetzt Du unser Reden und Hören durch Deinen Heiligen Geist! Amen.
Liebe Gottesdienstbesucherin,
lieber Gottesdienstbesucher,
in einem alternativen Weihnachtsbuch, in dem der Rummel der Advents- und Weihnachtszeit auf die Schippe genommen werden, fand ich folgenden Spruch:
Advent ist's, wenn der Pfarrer schreit:
Besinnlichkeit! Besinnlichkeit!
Nun, ich denke, die meisten von uns brauchen gar keinen Pfarrer, um auf die Widersprüchlichkeit dieser Tage aufmerksam gemacht zu werden, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt. Von wegen "stade Zeit" – in vielen Köpfen wird derzeit mit Hochdruck überlegt, wie man all die Termine und Aufgaben bis zum Weihnachtsfest überhaupt auf die Reihe bekommt. Und über allem steht die Einsicht (oder sollte ich sagen: das schlechte Gewissen), dass das alles wohl nicht so richtig sein kann. Aber selbst wenn es uns gelingt, in all diese Hektik und in allen Trubel eine Schneise der Ruhe zu schlagen, wenn wir es schaffen, uns für kurze Zeit da heraus zu nehmen – was fangen wir damit an? Wie begehen wir diese Zeit richtig? Haben wir es nicht schon verlernt, uns richtig auf Weihnachten vorzubereiten?
Wir möchten Ihnen heute in diesem Gottesdienst einige Gedankenanstöße dazu mitgeben. Und ich möchte das jetzt tun anhand eines Liedes von Paul Gerhardt, dessen 400. Geburtstag wir in diesem Jahr gefeiert haben. Es greift bereits in seinem Titel die Frage auf, um die es hier geht: "Wie soll ich dich empfangen?" – und er hat einige interessante und überraschende Antworten zu diesem Thema parat.
Wir singen zunächst die beiden ersten Verse dieses Liedes, das Sie in unserem Gesangbuch unter der Nummer 11 finden:
Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze
mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze,
mir kund und wissend sei.
Dein Zion streut dir Palmen
und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen
ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen
in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen,
so gut es kann und weiß.
Am Anfang steht eine Frage: "Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?" Jetzt ist es ja in unserer heutigen Zeit so, dass wir auf jede Frage ganz schnell eine Antwort haben müssen. Denn das zeichnet doch den erfolgreichen Menschen von heute aus: Dass er sofort weiß, was Sache ist und umgehend eine Antwort, eine praktikable Lösung bereit hat. Darauf sind wir getrimmt, und das erwarten wir auch. Und so hätten wir gerne von Dir, lieber Paul Gerhardt, ganz praktische Anregungen und Hilfen, wie wir diese Adventszeit gestalten sollen. Aber diesen Gefallen tut uns der Liederdichter nicht.
Er gibt zunächst der Frage Raum: "Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?" Und seine Verse werden in eine Melodie gekleidet, die gedämpft, verhalten, auch ein Stück geheimnisvoll ist. Das ist nicht der strahlende Klang von "Macht hoch die Tür", auch nicht der triumphierende Gesang von "Tochter Zion" – es ist ein Lied, das in dieser Form der Adventszeit am ehesten entspricht. Denn dies sind nicht die Wochen der großen Antworten, sondern es ist die Zeit der Fragen: Herr, ich weiß es noch nicht! Ja, ich möchte mich ganz neu besinnen; auf Dich, auf Dein Wort, auf Deine Antwort möchte ich mich einstellen. Ich möchte Dich aufnehmen – aber wie? Herr, ich möchte heraus aus der gedankenlosen Routine, möchte nicht Adventsprogramme abspulen, sondern frei werden, Dir zu begegnen.
So redet Paul Gerhardts Lied zu mir, wenn ich die erste Strophe sehr langsam lese und meditiere, wenn ich nicht gleich mit meinen Gedanken bei der passenden Antwort voraus bin. Und dann kommt auch schon die erste Erkenntnis, die ich gewinnen kann: Nicht ich muss mich um eine Antwort mühen, sie muss nicht aus mir heraus entwickelt werden – Jesus hat die Antworten auf meine Frage: Herr, setze Du mir die Fackel bei. In einer Zeit, in der das elektrische Licht noch nicht erfunden war, heißt das: Erleuchte mich, Herr, und sage Du mir, wie ich Dir begegnen kann, wie ich Dich empfangen soll.
Und dann spüren wir eine besondere Bewegung in diesem Lied: Der Dichter wendet sich von der Frage zum Lob Gottes: "Und ich will Dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn; mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis." Ich könnte mir vorstellen, dass sich Paul Gerhardt hier von Maria, der Mutter Jesu, inspirieren ließ. Als ihr der Engel Gabriel ankündigte, dass sie einen Sohn bekommen sollte, da hat sie auf die vielerlei Fragen, die ihr wahrscheinlich damals im Kopf herumgegangen sind, mit einem wunderbaren Lobgesang geantwortet, den wir im 1. Kapitel des Lukas-Evangeliums nachlesen können. Und so ein Lobgesang hat eine besondere Wirkung, die auch wir verspüren können: Er ermuntert unseren Sinn. Er ermuntert nicht den Sinn desjenigen, der hier gelobt wird (das wohl auch), er ermuntert nicht seinen Sinn (so, wie wir das in unseren Liedvers zunächst erwarten würden) – er ermuntert meinen Sinn.
Halten wir an dieser Stelle fest: Die Frage danach, wie wir uns richtig auf Jesus vorbereiten können, verträgt keine schnellen Antworten. Sie will sorgfältig bedacht werden – am besten im Lob Gottes.
Wir singen Vers 4 und 5 des angefangenen Liedes:
Ich lag in schweren Banden,
du kamst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht lässt verzehren,
wie irdisch Reichtum tut.
Nichts, nichts hat dich getrieben
zu mir vom Himmelszelt
als das geliebte Lieben,
damit du alle Welt
in ihren tausend Plagen
und großen Jammerlast,
die kein Mund kann aussagen,
so fest umfangen hast.
Zugegebenermaßen: Das Lob, von dem wir eben gesprochen haben, fällt uns nicht immer leicht. "Ich lag in schweren Banden" – wohl einige von uns kennen dieses Gefühl. Paul Gerhardt hat, als er dieses Lied 1653 schrieb, seine schwerste Zeit noch vor sich – die Jahre, in denen 4 seiner 5 Kinder frühzeitig sterben und dann auch noch seine Frau. Aber auch schon damals, 1653, war es offensichtlich eine schwere Zeit für ihn. Kein Wunder: der 30-jährige Krieg war gerade mal 5 Jahre vorbei, weite Teile des Landes waren zerstört und menschenleer. Und die Menschen in den Städten und Dörfern, die noch existierten, lebten in bitterer Armut. Eine Situation, die wir hier und heute gottseidank so nicht mehr haben. Aber trotzdem – unsere Welt ist gleichwohl nicht in Ordnung – global gesehen, und in dem ganz persönlichen Schicksal jedes einzelnen.
Aber das zeichnet Paul Gerhardt besonders aus: Dass er trotz seines schicksalhaften Lebens, trotz des desolaten Zustandes dieser Welt, sich nicht lange darüber aufhält, sondern über alle Not und über alles Leid hinausblickt. "Du kommst und machst mich groß", so schreibt er, und er denkt dabei nicht an Macht, Ansehen und Reichtum, so wie wir das häufig tun. Er denkt an Unvergängliches, das sich nicht verzehren lässt wie irdischer Reichtum. Er sieht über die Nöte, Schwierigkeiten und Probleme hinaus die große Liebe Gottes, die dies alles überdecken kann.
Der Dichter lenkt unsren Blick darauf, was stärker ist als alles menschliche Elend: Die Liebe Gottes, die uns alle umfängt und zu seiner Herrlichkeit führt. Das ist das zweite, was wir festhalten wollen.
Wir singen die letzten beiden Verse des Liedes.
Was fragt ihr nach dem Schreien
der Feind und ihrer Tück?
Der Herr wird sie zerstreuen
in einem Augenblick.
Er kommt, er kommt, ein König
dem wahrlich alle Feind
auf Erden viel zu wenig
zum Widerstande seind.
Er kommt zum Weltgerichte:
zum Fluch dem, der ihm flucht,
mit Gnad und süßem Lichte
dem, der ihn liebt und sucht.
Ach komm, ach komm, o Sonne,
und hol uns allzumal
zum ewgen Licht und Wonne
in deinen Freudensaal.
Diese beiden Verse lenken unseren Blick nochmals auf den Ausgangspunkt unserer Frage: "Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?". Wir sind ja sehr geneigt, diese Frage ausschließlich im Blick auf das bevorstehende Weihnachten, und damit rückwärts gewandt zu verstehen. Wie bereiten wird uns richtig vor auf das kommende Fest, wie stellen wir uns richtig ein auf den Rhythmus des Jahres? Sicher auch eine legitime Frage, aber in der Adventszeit geht es um mehr. Es geht nicht nur um das erste Ankommen Jesu hier auf unserer Erde und darum, wie wir das Gedenken daran richtig begehen. Es geht auch um die erwartete Wiederkunft Jesu.
"Er kommt, er kommt, ein König" – und dieses neue Kommen wird alles überstrahlen. Es gibt dazu in unserem Gesangbuch auf Seite 294 ein schönes und passendes Wort von Gustav Heinemann, unserem ehemaligen Bundespräsidenten: "Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt." So sieht es auch Paul Gerhardt: Über seine Frage, die ihn zum Lob führt, über seine Bedenken über die Not im menschlichen Leben, die ihn zur Liebe Gottes führen, kommt er am Ende seines Liedes zur Hoffnung und zur bevorstehenden Freude. Am Ende steht der Sieg Gottes über alle, die dieser Welt und uns Menschen Böses wollen. Das ist schließlich seine Antwort auf die Frage nach der richtigen Vorbereitung. Und er verstärkt sie noch, indem er uns darauf hinweist, dass wir uns nicht davor fürchten müssen. Auch wenn am Ende das Weltgericht steht – vor dem Urteil daraus muss uns nicht Bange sein, wenn wir in unsrem Leben Jesus lieben und suchten. Und dieses Lieben und Suchen findet seinen Ausdruck in unserem stetigen Bemühen darum, wie wir Jesus empfangen und begegnen sollen. Wenn wir dieses Frage in unserem Herzen bewegen, und das nicht nur in dieser Adventszeit, dann wird unser Leben enden wie unser Lied: Es wird nicht im Gerichtssaal enden, sondern im Freudensaal. Und nicht wir werden ihn empfangen, sondern er uns. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Wir singen nochmals den ersten Vers.
Klaus Steiner
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